Jean-Claude Juncker

Marke Europa – Marke Hoffnung

Frieden, Freiheit, Fairness – diese Begriffe beschreiben die Kernidee von Europa. Sie machen unseren Kontinent so lebenswert – und zum Hoffnungsträger für Menschen auf der ganzen Welt. Aber: Die Marke Europa steckt in einer Krise. Wir Europäer müssen zusammenrücken und gemeinsam an einem Marken-Relaunch arbeiten. Ein Plädoyer für ein starkes, geeintes Europa.

Von Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission

Europa ist der vielfältigste, der reichste, der schönste Kontinent. Keine Landschaft, kein Land, kein Menschenschlag gleicht dem anderen. Europa ist unverwechselbar, wie es Marken nun einmal sind. Und Europa ist eine Marke. Eine Marke mit Dach und Inhalt, und mit vielen Untermarken und Unterprodukten. Eine Marke, die Spuren hinterlässt und die dadurch den Weg zeigt. Etymologisch meint der Begriff „Marke“ auch das Eigentliche, den Kern, das Wesen einer Sache. Die Marke Europa meint somit auch die Idee Europa, also das, was Europa im Innersten ausmacht.

Das erste, das wichtigste, das zentrale Produkt Europas ist der Friede, der im Europa des 21. Jahrhunderts nicht selbstverständlich und keineswegs ewig ist. Ewig – im Sinne von endgültig abgesichert – wird dieser Friede auch nie sein. Er verlangt nach tagtäglicher politischer Arbeit und persönlicher Anstrengung. Und hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs außerdem nach politischen Institutionen, die diesen Frieden nachhaltig absichern und Krieg auch weiterhin strukturell unmöglich machen. Die jüngsten Ereignisse an der europäischen Peripherie haben die tagespolitische Aktualität dieser Frage mehr als nur unterstrichen. Ja, Frieden ist das Markenzeichen Europas schlechthin. Ein Frieden in Freiheit und Stabilität, Subsidiarität und Solidarität, Gerechtigkeit und Verantwortung, Wachstum und Solidität. Und das wird auch in Zukunft so sein.

Insofern ist die Erfolgsgeschichte – und das ist sie wirklich – „Euro“-Friedenspolitik mit anderen Mitteln. Der Euro ist nicht einfach nur eine Währung, er ist eine Friedensmarke. Ein konkretes Friedensprodukt, das nicht nur Währungskrieg, sondern auch ganz realen Krieg nachhaltig verhindert. Er schweißt als Integrationsprojekt Nationen und Menschen zusammen. Eine Währung ist immer auch ein hochpolitisches Symbol von europäischer Einheit und somit von Stärke, Solidarität und Zukunft. Niemand weiß dies besser als die Deutschen.

Doch Europa ist nicht nur Vielfalt, sondern auch Einheit in Vielfalt. Eine kommunale, regionale, nationale Vielfalt, die wir nicht gut genug kennen. Aber eben eine Einheit der von mir genannten Werte, der wichtigen Herkunft, der weiterzubauenden Zukunft. Bevor wir allerdings die Einheit Europas beschwören und leben können, müssen wir zunächst einmal unsere eigene Vielfalt kennen, kennenlernen. Wir wissen nicht genug von Europa, von seiner Geografie, von seiner Geschichte und seinen Geschichten, von seinen Kulturen, von seinen Menschen. Hier müssen wir ansetzen und die Marke Europa mit Inhalt ausfüllen, allem voran in unseren Familien und Schulen. Aber auch im öffentlichen Leben, denn Europa braucht dringend eine neue Öffentlichkeit.

Die Marke Europa befindet sich zurzeit im globalen Sinkflug. Wirtschaftlich, aber auch demografisch. Es ist deshalb nicht die Zeit, ins nationalstaatliche Klein-Klein zurückzufallen. Nein, wir Europäer müssen in einer zunehmend transnationalen Welt enger zusammenrücken! Und zwar nicht nur, weil wir es müssen, sondern auch, weil wir es wollen! Dies bedeutet keineswegs die Aufgabe der Nation oder des Nationalstaats. Nationen sind keine provisorische Erfindung der Geschichte. Aber es bedeutet ein verstärktes subsidiarisches und solidarisches Teilen von Souveränität. Unter und über dem klassischen Nationalstaat, der die Probleme des 21. Jahrhunderts nicht mehr alleine meistern kann – also auch nicht mehr alleine meistern soll. Auch das bedeutet europäische Einheit in Vielfalt!

Im Zentrum dieser Einheit in Vielfalt muss immer der Mensch stehen – politisch und gesellschaftlich, wirtschaftlich und sozial. Nicht der Mensch hat der Wirtschaft, sondern die Wirtschaft hat vielmehr dem Menschen zu dienen. Dies gilt besonders für die Schaffung neuer Arbeitsplätze für unsere junge Generation in Europa. Die Millionen junger Arbeitsloser in Europa riskieren, zu einer verlorenen Generation zu werden. Dies dürfen wir nicht zulassen. Nicht aus politischen, nicht aus sozialen, nicht aus menschlichen, nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Denn ohne Solidarität als Fundament wird unser gemeinsames europäisches Haus langfristig zerbrechen.

Allerdings braucht nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum auch Solidität. Ohne Haushaltskonsolidierung wird es kein stabiles Wachstum und somit auch keine neuen Arbeitsplätze geben. Hier dürfen also keine falschen Gegensätze konstruiert werden. Denn ein weiteres Markenzeichen Europas ist die Überbrückung von vermeintlichen Gegensätzen. Und im Übrigen auch von Grenzen – auch von ideologischen Grenzen. Freiheit ist nur denkbar als die Freiheit aller Menschen. Und Freiheit bedeutet nur etwas, wenn sie auch gerecht ist. Wenn sie also nicht nur theoretisch gedacht, sondern auch konkret gelebt werden kann. Deshalb sind wirtschaftliche Effizienz und soziale Gerechtigkeit in Europa keine Gegensätze. Im Gegenteil: Sie bedingen einander.

Wir brauchen in Europa eine Renaissance der sozialen Marktwirtschaft. Nicht die soziale Marktwirtschaft hat die gegenwärtige Krise verursacht, sondern der Verrat an den Kardinaltugenden der sozialen Marktwirtschaft.

Vorbei ist die Krise noch nicht. Wir haben lediglich die Talsohle durchschritten, doch über den Berg sind wir nicht. Und wir haben es nicht nur mit einer Wirtschafts- und Finanzkrise, sondern zugleich mit einer tiefer gehenden Polykrise, die man auch als Sinnkrise der Postmoderne beschreiben kann, zu tun. Auch hier muss Europa in Gemeinschaft neuen Sinn schaffen. Und somit neuen Mut und neue Zuversicht. Gerade bei jungen Menschen.

Nur gemeinsam kann Europa die Zukunft bestehen. Nur gemeinsam haben wir Europäer Zukunft. Nur gemeinsam hat Europas Jugend Zukunft. Darum geht es beim Relaunch der Marke Europa. Um die Verbindung von Herkunft und Zukunft mit dem Menschen im Mittelpunkt. Um eine neue solidarische Erzählung Europas, die nicht nur Arbeit und Wirtschaft, sondern auch Zukunft und Gemeinwohl nachhaltig wachsen lässt. Auch im Bewusstsein, dass dieses Gemeinwohl heute letztlich nur noch global gedacht werden kann. Der Globalisierung der Wirtschaft muss also auch eine Globalisierung der Gerechtigkeit folgen.

Die Marke Europa als Marke Frieden, Freiheit, Fairness. So wird aus der harten Marke international auch eine sanfte. Marken sind Bilder der Macht, der sanften Macht, der Softpower. Ja, Europa kann die Softpower der Hoffnung und ergo der Zukunft sein. Eine Softpower mit harten positiven Resultaten. Eine Softpower der Hoffnung nicht nur für Europäer, sondern für alle Menschen auf der Welt. Denn solange jeden Tag 25.000 Kinder in der Welt den Hungertod sterben, solange ist Europa nicht am Ende seiner politischen Arbeit angelangt. Und im Übrigen auch kein Europäer. Denn wir alle sind Europa! Und wir alle sind auch Mensch! Morgen mehr noch als in der Vergangenheit.

Ebenfalls erschienen im „twelve“ Magazin der Serviceplan Gruppe.