Die Inflation der Emotionen

Was bedeutet „Liebe“ in einer Welt, in der wir unser Smartphone „lieben“ wie einen Menschen? Und wie lassen sich Emotionen in Filmen und in der Werbung überhaupt noch glaubwürdig in Szene setzen? Die Regisseurin und Oscargewinnerin Caroline Link schreibt in ihrem sehr persönlichen Essay über große, kleine und vor allem echte Gefühle. Und erklärt, warum Humor die Rettung für Filmemacher sein könnte.

VON CAROLINE LINK
Drehbuchautorin und Regisseurin
Foto: Mathias Bothor

In unserer Ferienanlage in der Türkei schleicht ein Hausfotograf um den Pool. Er fotografiert die Kinder beim Planschen, die Eltern beim Drink an der Hotelbar. Auf seinem Arbeitsshirt steht: „Bilder für Gefühle“. Überhaupt haben hier alle „Zeit für Gefühle“ und „leben ihren Traum“. Wenn ich von einer Klippe ins Meer springe, ruft mir meine 12-jährige Tochter zu: „Los, trau Dich, werde zu einer Legende! Gemeinsam Geschichte schreiben!“ Dabei lacht sie über ihre Sprüche aus der Werbung, und ich bin mir nicht sicher, ob sie die Ironie dahinter versteht.

Die Amerikaner haben es uns immer vorgemacht, und wir haben als 18-jährige Au-pair-Mädchen darüber gelacht. „Oh, how I LOVE your dress!“, „I LOVE this pasta!“, „I LOVE your new car!“ Der inflationäre Gebrauch des Wortes „Liebe“ hat uns amüsiert, mittlerweile machen wir es genauso. In einer kommerzialisierten Welt, in der wir ein Objekt so wie einen Menschen „lieben“, in der wir Rührung empfinden, wenn wir im Dunklen den „Herzschlag“ unseres Apple Computers neben uns auf dem Nachtschränkchen pumpen sehen, was bedeutet in dieser Welt noch Liebe? „Liebe ist nur ein Wort“ nannte Johannes Mario Simmel 1963 seinen Roman. Ist das so? Die Werbung benutzt unsere Sehnsüchte für ihre Zwecke. Wenn es funktioniert, wem sollten wir das vorwerfen? Die Verführten sind mindestens so schuldig wie die Verführer. Weil sie sich verführen lassen. Was wir versuchen können, ist, einen gewissen Grad an Bewusstsein dafür zu schaffen. Bei unseren Kids, bei den Jüngsten schon. Damit sie zumindest merken, was da mit uns gemacht wird.

Wenn ich mit meiner Tochter zu Hause einen mittelmäßigen Film anschaue und mich das Bombardement von Dauermusik auf die Palme treibt, kann ich mir einen Kommentar nicht verkneifen: „Hör mal, die Musik sagt uns jetzt: heulen, bitte! Oder: Gleich passiert was ganz Schlimmes!“ Manche Leute nennen das Überwältigungskino. Kann man einem Kind ein Verständnis für Qualität beibringen? Wie sieht er überhaupt aus, der Unterschied zwischen falschen und wahren Gefühlen?

Kino, das ist für die meisten Menschen ein Ort der großen Gefühle. Aber wann ist ein Gefühl groß, und vor allem, wann ist es echt? Beim Inszenieren bin ich allein auf meine Intuition angewiesen. Wenn mir zwei Schauspieler eine Szene anbieten, versuche ich zu spüren, ob das, was sie da spielen, so für mich stimmen kann. Manchmal liegt das Problem an einer belanglosen Äußerlichkeit, einer Anordnung der Personen zueinander im Raum oder auch nur an der Lautstärke, mit der ein Darsteller seinen Text sagt. Oft ist es relativ leicht zu erkennen, DASS etwas nicht stimmt, aber WAS nicht stimmt, ist schwerer zu benennen. Natürlich kann es schon an der geschriebenen Vorlage liegen. Am Drehbuch, am Dialog. Aber auch wenn eine Szene gut geschrieben ist, kann am Set noch einiges danebengehen. „Lass den ersten Teil des Satzes doch einfach mal weg.“ „Sieh Deine Partnerin nicht an, wenn Du mit ihr sprichst …“ oder „Vorhin hast Du beim Text mit diesen Papierschnipseln gespielt. Das war schön. Mach das noch mal …“ Man probiert, gemeinsam eine Lösung zu finden, die zu einem „wahren“ Ergebnis führt. Zu Subtext, Ambivalenz – gemischten Gefühlen eben.
Das ist der Teil meiner Arbeit, der mich am allermeisten fasziniert. Das Entstehen eines echten Moments. Das Übertragen einer geschriebenen Textsequenz in Blicke, Sprache, Gesten, Bewegungen. Und das Ganze ist dabei oft ein äußerst fragiles Konstrukt. Schon eine falsche Bewegung kann ein Gefühl von Unstimmigkeit hervorrufen und die Szene kippen lassen.

In meinen Drehbüchern gibt es immer Momente, vor deren Umsetzung mich Kollegen warnen.

In meinem ersten Film „Jenseits der Stille“ war es die Schlusssequenz. Eine Szene in der Musikhochschule. Die Aufnahmeprüfung, der gehörlose Vater und seine hörende Tochter stehen sich gegenüber. Der Vater fragt sein Kind in Gebärdensprache: „Habe ich Dich verloren?“ Die Tochter antwortet: „Ich liebe Dich, seit ich auf der Welt bin. Du wirst mich niemals verlieren.“ Ich weiß nicht, wie viele „Experten“ mich vor diesem Dialog gewarnt haben. Purer Kitsch! Das kannst du so nicht machen! Ein Grund für mich, es erst recht zu versuchen. Am Ende hat gerade dieser Moment für sehr viele Zuschauer besonders gut funktioniert und sie zu Tränen gerührt. Warum? Vielleicht, weil wir diesen beiden Menschen in den zwei Stunden zuvor sehr nahegekommen sind, weil der Film ihre Welt sehr ausführlich beschrieben hat. Aber sicher auch, weil die Szene sehr pragmatisch inszeniert ist. Ohne viele Kameramätzchen oder gefühlsduselige Musik. Die Idee war, den Dialog sehr pur zu erzählen, und die Emotion durch nichts anderes als den Text selbst zu forcieren. Die Sprache steht für sich. Die Darsteller haben keine Angst vor dem Gewicht ihrer Sätze. Der Moment glaubt quasi an sich selbst und bricht diese Einfachheit nicht durch Ironie oder fehlende Souveränität.

Im Gegensatz zu den großen und riesengroßen Gefühlen, die uns im Kino, in der Werbung und in der Musik permanent um die Ohren gehauen werden, empfinde ich die Emotionalität der jungen Leute heute als relativ sachlich. In meinem Bekanntenkreis fällt mir auf, dass viele junge Erwachsene zwischen 20 und 25 keine festen Beziehungen haben. Ungeküsst sind sie deshalb keineswegs. Die meisten hatten mit ungefähr 15 zum ersten Mal Sex, richtig verliebt waren sie dabei nicht unbedingt. Ist die große, schwärmerische Liebe uncool? Wenn ich bei einigen nachfrage, überrascht mich die Rationalität der jungen Leute. „Eine Beziehung kann ich jetzt nicht gebrauchen. Ich muss mein Studium durchziehen. Ich will doch noch ein Jahr nach England, Australien, Singapur. Beziehung kommt später.“ Mit 20 habe ich mir das so noch nicht überlegt, entweder war man verliebt oder nicht. Für ewig sowieso nicht, aber wir haben es so genommen, wie es gekommen ist. Liebe hatte keinen Plan.
Und dennoch sehnen sich alle Menschen seit Menschengedenken nach dem wahren, tiefen Gefühl. Jeder 14-jährige Bub, der heute glaubt, mit allen Wassern gewaschen zu sein, weil er sich im Internet schon einen ganzen Haufen Pornos reingezogen hat, wird trotzdem atemlos neben dem Mädchen liegen, das er begehrt, ihre Haut spüren und den Unterschied zwischen Fiktion und Realität begreifen.

Wenn wir echte Freude empfinden, Glück in einem kostbaren Moment, wenn uns sogar das abgegriffene Bild eines Sonnenuntergangs am Strand umhaut, weil er in diesem Moment tatsächlich stattfindet, weil er eben kein Bild ist, keine Projektion, sondern echt, dann können wir echt von unecht sofort unterscheiden. Aber wie kann man diese Sicherheit in der Flut der Bilder noch vermitteln? Aus dem Gefühl, alles schon einmal gesehen, gelesen oder live miterlebt zu haben, entsteht zuweilen eine Erwartungshaltung, die mit der Realität nur noch schwer mithalten kann. Der Traum, einzigartig zu sein, ein Star zu sein, reich zu sein, aus der Anonymität herauszutreten, zeigt uns, dass wir den falschen Bildern manchmal zu viel Glauben schenken.

Friedrich Liechtensteins „supergeiler Dorsch! Und so weiches Klopapier! Supergeil!“ bringt das aufs Köstlichste auf den Punkt. Mit der übertriebenen Begeisterung für Produkte, die so banal sind, dass wir sie schwerlich „lieben“ können, zieht er uns mitsamt unserem Wunsch, selbst „sehr, sehr geil“ zu sein, durch den Kakao.

Vielleicht ist Humor ja die Rettung. Nach einer Übersättigung durch die ganzen großen Gefühle ist Lachen die einzige Emotion, von der wir tatsächlich niemals zu viel bekommen können.

„Comic Relief“ nennt man das in der Drehbuchdramaturgie. Der Lacher, der nach einer sehr traurigen, emotionalen oder spannenden Szene kommen muss. Aber egal, welche Emotion wir im Kino oder in der Werbung strapazieren: Gelingen kann uns unser Anliegen nur, wenn wir es schaffen, in der Flut der Geschichten und Bilder wenigstens für einen Augenblick der Wahrheit so nah wie möglich zu kommen.

 

1 Antwort
  1. Michael Praschma
    Michael Praschma says:

    Ich glaube, dass Humor eine Notlösung sein kann; und zwar durchaus eine gute – wenn sie denn dazu führt, die ganzen Masken fallen zu lassen. Die Rettung oder gar DIE Rettung ist Humor aber genauso wenig wie Liebe, Lust, Leidenschaft und Co. Denn alles das lässt sich als Mittel zum Zweck korrumpieren. Gerade in der Werbung „geht“ Humor doch hervorragend. Sogar Selbstironie.

    Die Inflation der Emotionen ist Folge der Inflation medialer Kommunikation. Denn das kostbarste Gut „Aufmerksamkeit“ ist fast nur mit Emotionen zu ergattern. Damit das für halbwegs intelligente Menschen dann aber nicht nur noch unerträglich ist, predige ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit, sich dabei möglichst um Wahrhaftigkeit zu bemühen. Ich stelle zur Debatte, dass eher DAS die Rettung wäre.

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