Augmented und Virtual Reality

„Wir müssen hier ganz klar über die Vision sprechen“

Am 2. August 2016 findet im Münchner Haus der Kommunikation der „HoloLens Experience Day“ von TRENDONE statt, Gastgeber der Veranstaltung ist die Plan.Net Gruppe. Im Vorfeld des Events haben wir uns mit Nils Müller, dem Gründer von TRENDONE, sowie Stephan Enders, Head of Mobile Marketing der Plan.Net Gruppe, über die Potenziale von Microsofts Augmented-Reality-Brille HoloLens sowie Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR) im Allgemeinen unterhalten.

Stephan Enders
Stephan EndersHead of Mobile Marketing, Plan.Net Gruppe
Nils Müller
Nils MüllerGeschäftsführer, TRENDONE GmbH

Die wichtigste Frage vorneweg: Wird man mit der HoloLens auch Pokémon Go spielen können?

Müller: Davon gehe ich schwer aus. Eine erste Demo-Version gibt es schon. Für Microsoft ist der Hype natürlich der Knaller. Das verleiht der HoloLens, die ja noch gar nicht auf dem Markt ist, und dem Thema AR einen enormen Schub. Bisher fehlte bei AR immer die Consumer-Anwendung. Das Problem hatte auch schon die Google Glass. Mit Pokémon Go haben wir die nun endlich.

Enders: AR hatte im Vergleich zu VR in der Berichterstattung der vergangenen Monate ein wenig das Nachsehen. Das hat sich komplett geändert. Mit Pokémon Go haben wir jetzt das erste wirklich reichweitenstarke Tool auf den Markt – und plötzlich ist AR wieder in aller Munde.

Beim HoloLens Experience Day wird man ja die Möglichkeit haben, Microsofts AR-Brille zu testen. Wie unterscheidet sich die HoloLens von anderen Brillen wie der Oculus Rift oder der HTC Vive, die bereits seit einiger Zeit auf dem Markt sind?

Müller: Bei der Oculus Rift oder der HTC Vive handelt es sich um VR-Brillen, mit denen der Nutzer komplett in die virtuellen Welt eintaucht und von seiner Umgebung nichts mehr mitbekommt. AR bedeutet stattdessen, dass sich die reale und die digitale Welt vermischen. Die HoloLens scannt und erkennt den Raum, sie weiß also, wo ein Tisch steht oder wo eine Wand ist. Dadurch kann sie digitale Objekte auf Tischen oder Böden platzieren. Die Hologramme sind dabei tatsächlich dreidimensional – und nicht zweidimensional wie bei der Google Glass oder AR-Anwendungen auf dem Smartphone.

Was sind ihre Stärken und Schwächen?

Müller: Mich hat die HoloLens begeistert, weil sie einfach sehr gut funktioniert. Die Bildqualität in HD ist super, man erkennt keinerlei Pixel, wie es bei manchen VR-Brillen derzeit der Fall ist. Wie schon angesprochen bildet sie drei- und nicht nur zweidimensionale Hologramme. Und was auch spannend ist: Man wird verschiedene HoloLens-Brillen auch miteinander vernetzen können. Eine Schwäche ist momentan, dass das Sichtfeld noch nicht groß genug ist. Außerdem ist sie nicht zum Einsatz im Freien geeignet, weil der holographische Effekt am besten funktioniert, wenn es ein bisschen dunkel ist. Man muss aber bedenken, dass wir immer noch von der Entwicklerversion sprechen. Da kann sich noch einiges ändern.

Enders: Bisher sind auch die Kosten noch zu hoch, was natürlich bei der Reichweitenentwicklung eine große Rolle spielen wird. Microsoft hat zwar noch keine genauen Angaben gemacht, aber es wird bestimmt nicht ganz günstig werden. Die Entwickler-Version kostet 3.000 US-Dollar. Die Version, die auf den Markt kommt, wird bestimmt preiswerter sein, aber mit 1.000 bis 1.500 US-Dollar wird man schon rechnen müssen.

Müller: Man muss sich aber vor Augen führen, was alles in dieser Brille steckt: Das ist ein vollwertiger PC, eine Kinect, also die Hardware, die auch bei der Xbox 360 zum Einsatz kommt, und die ganze Brillentechnologie – und das alles auf kleinstem Raum. Das kostet natürlich. Ich bin mir aber sicher, dass der Preis langfristig erschwinglich wird. Wir müssen hier ganz klar über die Vision sprechen. Wir sehen ja, wie schnell sich Technik entwickelt. Wenn wir zwei oder drei Jahre vorausschauen, hat sich Performance sowie Akkulaufzeit wahrscheinlich verdoppelt und der Preis halbiert. Dann haben wir plötzlich kleine Brillen, die super leistungsfähig sind, wenig Energie brauchen, gut aussehen und nur einen Bruchteil des heutigen Preises kosten. Brillen sind auch sicherlich nicht das Ende der Evolution. Google arbeitet ja schon länger an einer smarten Kontaktlinse, Samsung hat für eine AR-Kontaktlinse namens Gear Blink ein Patent angemeldet. Das zeigt schon, wo die Reise hingehen wird.

Welche Einsatzmöglichkeiten gibt es für AR heute schon und welche sind in Zukunft denkbar?

Müller: Aktuell kommt es vor allem in der Industrie zum Einsatz. Die beiden Haupteinsatzszenarien im Moment sind Picking im Lagerbetrieb – also der Kommissionierer bekommt über die Brille eingeblendet, was in die Kiste muss – und Maintenance bzw. Reparatur: Mit Hilfe von AR-Brillen kann beispielsweise ein Servicetechniker in Deutschland einen Mitarbeiter in Singapur bei Reparaturarbeiten unterschützen. Der Servicetechniker kann sich ein Bild von der Lage machen, ohne selbst vor Ort sein zu müssen, und leitet den Kollegen bei der Reparatur an. In naher Zukunft werden noch weitere Bereiche hinzukommen, zum Beispiel Augmented Marketing wie es etwa Volvo vormacht oder Augmented Gaming, wie wir es gerade sehen. Außerdem wird AR sicher auch in den Bereichen Medizin oder Bildung zum Einsatz kommen. Die Liste ist lang.

Enders: Als Kommunikationsagentur sind für uns ja in erster Linie Anwendungsszenarien im Marketing spannend. Unsere Aufgabe ist es, den Kunden diese aufzuzeigen, einzuordnen und mit anderen Technologien wie etwa 360-Grad-Videos oder VR zu vergleichen. Bei VR befinden wir uns gewissermaßen noch am Anfang, der Markt kommt dieses Jahr erst richtig in Bewegung. Und AR wird mit der HoloLens sicherlich eine neue Dimension erreichen. Der Einsatz von VR, gerade wenn es darum geht, Markenwelten am Point of Sale oder auf Messen zu inszenieren, ist schon sehr gefragt. Bei AR mit der HoloLens fehlen uns die Einsatzmöglichkeiten im Marketing noch etwas. Da ist VR derzeit noch näher am Endverbraucher, was ein großer Vorteil ist. Allerdings sind VR-Systeme wie die HTC Vive oder die Oculus Rift noch kostspielig. Es wird wichtig sein, die Kraft der Systeme beispielsweise in Showrooms, auf Messen und Events entfalten zu lassen.

Worin seht ihr dann mehr Potenziale? In AR oder VR?

Enders: Auch wenn es aktuell vielleicht nicht danach aussieht, ich glaube, dass das Reichweitenpotenzial von AR langfristig deutlich größer ist. Keine Frage, VR entwickelt sich aktuell super und ist – abgesehen von Pokémon Go – auch präsenter als AR. Dennoch sehe ich in AR mehr Potenzial für den Massenmarkt. VR ist möglicherweise nicht für jeden uneingeschränkt geeignet. Ich glaube, es wird immer Menschen geben, die sich nicht völlig abschotten und in virtuelle Welten abtauchen wollen. Die Realität mit Zusatzinformationen anzureichen, wie es bei AR der Fall ist, ist da weniger „radikal“ und bietet meiner Meinung nach für jeden und jede Branche einen Mehrwert.  Das Thema VR müssen wir also  jetzt angehen und zwar mit Nachdruck, wohingegen das Thema AR über die HoloLens bzw. vergleichbare Systeme perspektivisch viel mehr Wucht haben wird.

Müller: Ich sehe eigentlich VR mindestens genauso stark. Auch VR kann man auf alle Branchen übertragen. Nehmen wir mal als Beispiel ältere Menschen, die nicht mehr ganz so mobil sind, trotzdem aber die Welt erkunden wollen. Mit VR-Brillen können sie wenigstens virtuell unbekannte Orte entdecken.

Was bedeuten die neuen Technologien für unsere Gesellschaft? Wie werden sie unseren beruflichen wie privaten Alltag verändern?

Müller: Gerade durch AR wird das Internet nun endgültig zum Outernet. Das bedeutet, dass das Digitale endlich aus den zweidimensionalen Bildschirmen befreit wird. Das Internet explodiert in die reale Welt, also dorthin, wo es hingehört. Wir steigen dadurch in eine Mixed-Reality-Welt, die mit Gesten und Sprachen gesteuert wird, ein. Diese Entwicklung ist mindestens so schlagkräftig wie die Einführung des PC. Das wird alles verändern.

Enders: AR wird uns als Gesellschaft die Möglichkeit geben, näher zusammenzurücken. Über holographische Elemente fühlen sich digitale Konferenzen mit Geschäftspartner und Kollegen realistischer und intuitiver an, Familien und Freunde fühlen sich trotz räumlicher Distanz einander näher. Gleichzeitig werden die Herausforderungen des „Information Overload“ weiter anwachsen. Über AR können künftig alle Informationen zu jedem Ort und ständig eingeblendet werden. Hier müssen wir also intelligente Konzepte für den  Augmented-Daten-Konsum entwickeln, die nur sehr behutsam Informationen einblenden und wenn möglich zusammenfassen, damit der Nutzer nicht überfordert ist. Außerdem glaube ich, dass wir wie bei jedem Trend auch bei VR und AR einen Gegentrend sehen werden: Wir werden Möglichkeiten schaffen müssen, aus der permanenten Datenverfügbarkeit und Durchleuchtung zu entfliehen. Es wird Rückzugsorte geben (müssen), Orte an denen man sich in analoger Sicherheit fühlt. Auch dadurch werden sich viele spannende Marktchancen ergeben.

 

Info

Bei der HoloLens von Microsoft handelt es sich um eine Augmented-Reality-Brille, mit der sich interaktive 3D-Projektionen in der direkten realen Umgebung darstellen lassen. Die Objekte im Blickfeld der Nutzer entstehen dabei durch projizierte Lichtpunkte aufs Auge. Ein Smartphone oder ein Computer ist für den Gebrauch nicht nötig, die Steuerung funktioniert über Gesten, Sprache sowie Kopf- und Augenbewegungen. Aktuell wird sie nur als Entwickler-Edition an Vorbesteller in den USA und Kanada ausgeliefert.