Zwischen Hamsterrad und Selbstverwirklichung: Was wir wirklich wollen

Ein Haufen verhätschelter Träumer – diesem Vorwurf sieht Felix Plötz (Autor dieses Artikels) seine Generation immer wieder ausgesetzt. Zu Unrecht, wie er findet. In einem sehr persönlichen Text erzählt der Bestsellerautor, Querdenker und Unternehmer, wie er und die anderen 20- bis 35-Jährigen ticken und wie klassische Unternehmen und die Generation Y glücklich miteinander werden können.

Mein Name ist Felix Plötz – und ich bin ein Traumtänzer. Zumindest wird mir dies regelmäßig vorgeworfen. Mittlerweile kann ich damit leben. Als mir das jedoch das allererste Mal an den Kopf geworfen wurde, war ich außer mir.

Diejenigen, die das behaupteten, hatten mich nie gesehen, nie gesprochen – sie kannten mich gar nicht! Es war im Sommer 2011, als ich das erste Mal in einem Artikel las, dass die Generation zu der ich gehöre, genau das sei: ein Haufen Traumtänzer.

Wir – ich und die etwa fünfzehn Millionen anderen meiner Generation, die heute zwischen zwanzig und fünfunddreißig sind – würden nicht nur ständig alles hinterfragen, weshalb wir auch Generation Y genannt werden („Y = Why?“), sondern seien außerdem „wählerisch wie die Diva beim Dorftanztee“. Unsere Eltern hätten uns zu sehr verhätschelt. Wir hätten zu häufig „Du kannst alles er-reichen, was du willst!“ und „Lebe deine Träume!“ gehört, sodass unser Selbstbewusstsein genauso überdimensional wie unser An-spruch an das Leben sei. Selbstverwirklichung sei unser Lebensziel. Aber in Wahrheit bekämen wir alleine nichts gebacken und müssten uns ständig ans Händchen nehmen lassen.

Ich war außer mir, weil ich damals gerade dabei war, mein erstes Unternehmen zu gründen. Mich musste dabei keiner an die Hand nehmen – und ich war sicher, dass ich nicht der Einzige war, der das konnte! Aber ich muss zugeben, dass meine Generation  speziell ist: Wir wollen gestalten, kreativ sein und unser Potenzial voll ausschöpfen. Wir wollen den Sinn unserer Arbeit verstehen, maximal viel  lernen und am liebsten in kleinen Teams arbeiten, wo direktes Feed-back an der Tagesordnung ist. Uns motivieren nicht die Klassiker der Maslowschen Bedürfnishierarchie wie Geld und Sicherheit. Wir haben im gefühlten Dauerzustand der „Krise“ gelernt, dass beides nur eine Illusion ist. Nichts ist mehr sicher, so scheint es. „YOLO“ („you only live once“) sagt kein normaler Mensch, der älter als zwölf ist – aber im Herzen tragen es dennoch viele.

Freiheit und Selbstbestimmung – das sind unsere Motivatoren. Kein Wunder also, dass uns Start-ups faszinieren. Sie scheinen der Ort zu sein, wo all unsere Wünsche an die Arbeitswelt wahr werden: eine gemeinsame Mission, Sinn, kleine Teams, Verantwortung. Die Möglichkeit, mehr als nur das kleine Rad im Maschinenpark eines großen Konzerns zu sein. Doch nur die Wenigsten haben den Mut (oder die Blauäugigkeit), alles auf eine Karte zu setzen und bei einer Fünf-Mann-Klitsche anzufangen oder gar selbst eine zu gründen.

Und dennoch: Diese Wertvorstellungen sind da! Aber nur die wenigsten Unternehmen erfüllen die Wünsche der jungen Generation. Oder besser: können sie überhaupt erfüllen. Denn auch wenn „unternehmerisches Denken“ zur Standardformel jeder Stellenausschreibung geworden ist und ein Planungsingenieur bei der Deutschen Bahn dies genauso mitbringen soll wie ein Mitarbeiter bei der Caritas: Nur die wenigsten Firmen bieten diesen Freiraum wirklich. Häufig scheint dies nur eines zu sein: eine inhaltsleere Floskel, um sich selbst einen weltoffenen und innovativen Anstrich als Arbeitgeber zu verpassen.

Dabei gibt es eine Möglichkeit, um als Arbeitgeber aus der Masse hervorzustechen und sich für die junge Generation extrem attraktiv zu machen. Sie bietet Bewerbern die Sicherheit eines etablierten Unternehmens, gepaart mit der Freiheit und den Möglichkeiten eines Start-ups. Dabei kostet sie nichts – außer dem nötigen Quäntchen Mut, ausgetretene Pfade zu verlassen und et-was  Unkonventionelles zu tun: Bieten Sie Ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, ein eigenes, selbstbestimmtes, unternehmerisches Projekt neben der Arbeit zu starten – es als ein 4-Stunden-Start-up zu führen.

Diese Idee mag verrückt klingen (oder eben wie die Worte eines Traumtänzers), aber sie wird bereits heute von sehr vielen Menschen umgesetzt. Egal, ob es eigene Produkte sind, die im Internet verkauft werden, es eine eigene Kinderhilfsorganisation ist, die nebenbei aufgebaut wird, oder die eigene Kreativität vermark-tet wird – es gibt Tausende Ideen, die für ihre Urheber persönlich Sinn stiften. Die einen Ausgleich zum normalen Job geben und all das liefern, was die normale Arbeitswelt leider häufig nicht bieten kann: Gestaltungsfreiraum, Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung.

Manche Ideen haben das Potenzial, dass aus einem kleinen 4-Stunden-Start-up etwas richtig Großes werden kann. Doch in Wahrheit (und dies ist durch Statistiken ausreichend bewiesen) bleibt es in den allermeisten Fällen bei Nebenprojekten. Ihre Grün-der kündigen nicht und gehen weiter zuverlässig ihrer Arbeit nach. Zu sehr genießen sie die Kombination aus Sicherheit und Freiheit. Sie wollen sich weder vom einen noch vom anderen abhängig machen und auch kein weiteres Hamsterrad in ihrem Leben installieren: Ein 4-Stunden-Start-up kann vier Stunden in der Woche, vier Stunden im Monat oder auch vier Wochen mal gar nicht betrieben werden. Es muss nicht den Lebensunterhalt bieten, sondern Raum zur persönlichen Entfaltung. Wer sich auf diese Weise ausleben kann, der muss Selbstverwirklichung nicht bei anderen Arbeitgebern suchen. Eine Suche, die zur Odyssee werden kann – die zu viele junge Menschen von der grünen zur vermeintlich noch grüneren Wiese, von Arbeitgeber zu Arbeitgeber, treibt.

Und eine Frage muss ebenfalls erlaubt sein: Wenn wir von unseren Mitarbeitern unternehmerisches Denken und eigenverantwortliches Handeln verlangen – wo sollen diese Fähigkeiten denn herkommen? Woher nimmt ein Planungsingenieur oder Sozialpädagoge sie? Wenn die Forderung nach unternehmerisch denkenden Mitarbeitern nicht nur ein geschickter Marketingschachzug ist, dann reicht es nicht, diese Fähigkeiten nur zu fordern – sie müssen auch gefördert werden. Ein selbstbestimmtes, unternehmerisches Nebenprojekt bietet diesen Rahmen – risikoarm für beide Seiten.

Die Generation Y ist anders als ihre Vorgänger. Start-ups und Selbstverwirklichung faszinieren viele mehr als bloß ein dickes Gehalt oder die Aussicht auf einen schicken Firmenwagen. Außerdem war es noch nie so leicht wie heute, sein eigenes kleines Business zu starten oder ein Non-Profit-Projekt unternehmerisch aufzuziehen. 4-Stunden-Start-ups haben das Potenzial, zum Game-Changer im Employer Branding zu werden. Sie verbinden für Bewerber die Sicherheit eines etablierten Unternehmens mit dem Sexappeal, eigene Ideen umsetzen zu können. Wer sie anbietet, bietet das Beste aus zwei Welten – und wird damit die Besten an-ziehen. Und: dauerhaft an sich binden können. Den Mut dazu hat nicht jedes Unternehmen – ein echter Wettbewerbsvorteil, um aus der Masse der Arbeitgeber hervorzustechen.

Unser Selbstbewusstsein ist genauso überdimensional wie unser Anspruch an das Leben.